Träume - Bilder unserer Zeit

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Insekten-Viren - 28.10.1998

Bei einer Wanderung über die Hügeln um das Dorf meiner Kindheit, trete ich in ein Nest von Tieren, fünf- bis achtzentimeterlangen, achtbeinigen Insekten mit mehrgliedrigerm schlankem Körper und erhöht getragener, wurmfortsatzähnlicher Kopfpartie. Erst jetzt bemerke ich, dass ich an den Füssen seltsamerweise bloss Strümpfe trage. Wegen sofort einsetzendem unerträglichem Juckreiz reisse ich die Strümpfe von den Füssen, mein Wanderpartner klopft die offensichtlich sehr stechfreudigen Tiere vom Stoff und packt meine Strümpfe in die Jackentasche.

Rasch entfernen wir uns. Die Tiere wachsen schnell an und verfolgen uns blutgeil. Wir beschleunigen den Schritt, sie auch. Wir rennen, sie auch. Plötzlich erkenne ich den Weg, er führt vom einstmaligen Neubauquartier hinab, in dem eher vermögendere Familien aus der Stadt, unter ihnen diejenige meiner Schulfreundin wohnten. Wir rennen die sehr steile, kurvenlose Strasse hinunter, kommen gleich am Primarschulhaus vorbei. Am Übergang zwischen Strasse und Schulhausplatz ist eine Doppelschwelle in den Asphalt eingelassen, die beiden Eisenschwellen sind nahe genug beieinander, dass ein Mensch, selbst ein Kind darüber schreiten kann, für die Insekten ist die Distanz jedoch zu gross, sie fallen in den dazwischen und darunterliegenden Schacht. Offensichtlich ist das Phänomen der Tiere hier bekannt.

Mit meinem Wanderpartner überspringe ich die Schwellen, wir sind vor den Tieren sicher, sind aber vorerst auf dem völlig verwaisten Schulhof gefangen. Wir setzen uns auf einen der Betonblöcke, mein Wanderpartner kramt ein Taschenradio aus dem Rucksack und sucht einen Sender. Wir hören eine Reportage. Offensichtlich sind mehrere Forschungsinstitutionen mit der Erforschung dieser Tiere beschäftigt, haben einzelne Exemplare eingefangen und studieren ihr Verhalten. Eine gemeinsame Bekannte (ausserhalb des Traums nicht Biologin, sondern Psychiaterin) leitet das eine Forschungsteam und berichtet von den ersten Ergebnissen, die laufend vom Fernsehen übertragen werden: es ist eine Art Insekten, die nach Virenart die Fähigkeit hat, dem ausgesaugten Blut Chromosomenpartien zu entnehmen und ins eigene Genmaterial einzubauen. Daher treten sie in den verschiedensten Gestalten auf, verharren allerdings immer in derselben genommutationsfreudigen Insektenfamilie.

Mein Wanderpartner und ich überlegen uns fieberhaft und untersuchen meine Fusssohlen auf Insektenstiche: ist es möglich, dass sie von meinem Blut aufgesaugt haben? Werden in ihrem Gensatz Teile meines Erbmaterials erkennbar sein? Wird man herausfinden und nachweisen können, dass wir oben im Quartier waren? Aber ich habe keine wirklichen Stiche.

Im Radio werden jetzt Namen von Personen genannt, deren Erbmaterial in den Insektenproben nachgewiesen werden konnten, unter ihnen zwei meiner Basler Arbeitskollegen. Ach so, denke ich, daher die Strukturfehler in der einen Datenquelle unseres Führungsinstrumentes, die sich in die von uns gebaute Datenbank fortpflanzen, ich muss schauen, dass ich von dieser Seite Distanz halte.

Unsere gemeinsame Bekannte forscht und berichtet weiter: die Insekten sind auffallend gierig auf jedes neue Stück Fleisch / Blut, dass sie ihnen ins Herbarium wirft, stürzen sich darauf, haben es innert kürzester Zeit ratzeputz vertilgt. Wirft sie ihnen aber mehrmals Proben von demselben Individuum hinein, lässt die Gier sofort nach. Daraus schliesse sie, dass die Tiere nicht an Fleisch und Blut als Nahrungsmittel interessiert seien, sondern nur das Genmaterial benötigen. Sei dieses verwertet, werde es uninteressant. Sie wendet sich ans Publikum mit der Vermutung, dass sich die Personen, die mit den Insekten bereits Kontakt hatten, beruhigen können, da eine Art Schutz vor neuen Angriffen bestände, warnt trotzdem vor allzu leichtfertigem Umgang mit ihnen (es ist nicht ganz klar, ob sie die Menschen oder die Insekten meint), da das ganze Phänomen noch kaum erforscht sei.


 

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