Träume - Bilder unserer Zeit

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Das Lager - 18.1.2000

Ich weiss nicht, ob Sie unser Städtchen kennen. Ein kleines Städtchen am Rande der Berge. Kaum bekannt. Heute war es in den Medien. Eine kurze Meldung in den Morgennachrichten: auch bei uns gebe es eines dieser Lager. Sie wissen schon. Wissen? Was können Sie schon wissen.

Ich arbeite in einem der alten Gebäude in der Nähe des Schlosses. Nette Räumlichkeiten, heitere Büroatmosphäre, viele junge Leute. Sondereinheit für die Leitung. Viele kleine Spezialaufträge. Es braucht etwas Phantasie, um sich vorzustellen, wofür die Abklärungen dienen, an denen zuweilen wir arbeiten. Puzzleteile eines Ganzen, das aus unserer Perspektive unmöglich zu schauen ist. Oder doch? Eines weiss ich: auch wir sind Versuchspersonen. Auch an uns wird ausprobiert. Aber für die Auswertung der Informationen, die wir liefern, sind andere zuständig. Was die sich wohl denken? Wofür sie unsere Puzzleteile brauchen?

Beim Mittagessen ist die Mediennotiz natürlich auch Thema. Neben den aktuellen Sportresultaten und sonstigen Belanglosigkeiten. Und dem Essen. Manchmal gibt es seltsame Ingredienzen und ein heiteres Ratespiel, worum es sich handeln könnte, begleitet die Mahlzeit. Von "Experimentalfleisch" spricht man. Manchmal können wir auch Produkte aus der Fabrik testen. "Alternativleder" zum Beispiel, Spezialfette, neuartige Öle, Seifen. Heute gibt es zum etwas trockenen, leicht süsslichen Fleisch eine weisse Sauce, "Rahmersatz". Ein ungewohnter Geschmack, etwas sauer, festere Konsistenz, leicht körnig, auf der Schwelle zum partiellen Festwerden, fast bricht die Sauce. Belustigt unterhalten sich meine Bürokollegen, woraus die Sauce wohl gewonnen sei. Pflanzlich? Tierisch? Synthetisch? Ja, etwas Synthetisches muss es sein. - Beim Servieren rutscht der Kellner aus und schüttet mir eine halbe Kelle auf die Hose, knapp unter dem Gürtel, und es ist ihm peinlich. Natürlich ist der Fleck rasch weggewaschen. Dennoch bleibt der Gedanke. Nein, es ist nicht rein synthetisch, es ist gewonnen aus etwas, und ich ahne woraus. Darf man soweit denken? Ich schweige, versuche mitzulachen, wenigstens äusserlich, innerlich suche ich fiebrig nach Anhaltspunkten. Passt dieses Puzzlestück wirklich in das von mir Rekonstruierte?

Über diese Themen darf man mit niemandem sprechen. Jeder Mitwisser kann gefährlich sein, jeder kann sich verplaudern, kann Informationen weitergeben. Jeder kann aber auch zur Täterseite gehören. Oder sind wir alle Täter? Mittäter? Muss man Mitwisser sein, um Mittäter zu sein? Wo genau liegt die Grenze zwischen Mitarbeiter und Mittäter? Zwischen Testperson und Mittäter? Wo diejenige zwischen Konsument und Mittäter? Wie gewiss muss das Mitwissen sein, um einen Mittäter mitschuldig zu machen? Was genau konstruieren wir da zusammen? Was genau wird in unserer Fabrik hergestellt und woraus? Ich habe die leider unbelegbare These, dass unsere Abteilung eine Aussenstelle ist, eine Art Privilegiertenlager. Oder ist das nur mein Verfolgungswahn? Wie sie doch witzeln und scherzen, flirten und kokettieren, ich unter ihnen, nur nicht auffallen, und doch...
Während des Nachmittags arbeite ich weiter an meinem Spezialprojekt, bald ist Abgabetermin, die Auswertung muss optisch aufbereitet werden, die Berechnungen müssen sauber nachvollziehbar sein, die Schlüsse einfach und klar formuliert. Item, der Nachmittag ist schnell vorbei, und beim Eindunkeln mache ich einen kurzen Abstecher in die Stadt.

Auch im Bus ist die Mediennotiz des Vormittags Gesprächsthema. Wer kommt auf diesen Gedanken, in unserem Städtchen, was die Medien doch alles erfinden, da hat sich einer wichtig gemacht, und doch könnte etwas daran sein, da gibt es doch diese Fabrik, oder die andere, oder das verlassene Kasernenareal, immerhin besteht die Möglichkeit, und man muss abwarten, was die Journalisten weiter herausfinden - aufbauschen, wirft ein älterer Herr ein - was auch immer, meint die Dame hinter ihm, die Augen offenhalten und sich selbst ein Urteil bilden.
Wir fahren an unserem Fabrikareal vorbei. Licht in den Lagerhallen. Ein Aufatmen geht durch den Bus: Nachtschicht. Ein ganz normaler Produktionsbetrieb. Wussten wir's doch. Sturm im Wasserglas, bei uns, da gibt's sowas nicht. Und schon schweifen die Gesprächsthemen und Blicke ab. Nur meiner nicht. Ich bin noch nicht überzeugt. Da - es wird ein Blick auf den Innenhof frei; ein fast leerer, kasernenartiger, asphaltierter Hof. Im rosa Dämmerlicht erkenne ich einen Haufen, mein Herz stockt - Haufen aus Menschenleichen? - nein, nun atme auch ich auf, es sind Affenkörper. Vielleicht sehe ich vor lauter Ahnungen wirklich schon Gespenster. Ich drücke den Halteknopf und steige an der nächsten Station aus.

Mit der Spezialberechtigung des Privilegiertenlagers habe ich zu allen Räumlichkeiten unserer Firma Zutritt, auch zu den Produktionsbetrieben. Kein Portier fragt nach einer Begründung, und wenn, genügt das Wort "Spezialeinsatz". Ich betrete den Innenhof. Eine unterdrückte Hektik ist zu spüren. Aufseher sind keine zu sehen. Es muss ein Apéro sein, eine Spezialübung, eine zentrale Informationsveranstaltung, eine Reaktion auf die Mediennotiz. Jedenfalls sind Aufseher nicht sichtbar, vielmehr, sind sie sichtbar abwesend. Die - Häftlinge? Arbeiter? Insassen? - suchen die Gunst der Stunde zur Flucht zu nutzen. Zum unsichtbaren Untertauchen, zum nicht-nachspürbaren Entkommen. Eine Massenflucht würde auffallen, eine Bresche würde die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die Abwesenheit der Aufseher kann eine Falle sein, überall können weitere Fallen lauern, die Flucht muss perfekt und effizient sein, muss in der Nacht weit genug führen, an einen Ort, wo der Häftlingsstatus nicht mehr erkennbar ist, kein Weg darf zurückführen, niemand darf wissen, ein Mitwisser, auch unter den Häftlingen kann ein schwaches Glied sein, ein versteckter Aufseher, ein Wasserträger, der zur Schaffung eigener Privilegien andere verrät. Da sind sie wieder, die Gedanken vom Mittag: wo ist der Unterschied zwischen Opfer und Täter? Sind nicht viele Opfer Mittäter? Werden sie im Falle eines persönlichen Angriffs, einer Zurredestellung zu Tätern? Sind die Opfer allein durch ihre Opferbereitschaft Mittäter? Sind die Täter Mitopfer? Alle? Nein, es gibt nicht nur den Graubereich. Es gibt auch eindeutige Opfer und eindeutige Täter. Täter, die im vollen Bewusstsein und ohne Not handeln und Opfer, die trotz eigener Anstrengung nur verlieren können.

Ich habe schweigend den Hof überquert, trete in ein Gebäude und fahre mit dem Lift ins Stockwerk J. Beim Verlassen des Liftes stehe ich genau im Schnittpunkt zweier sich rechtwinklig schneidender Korridore. Zögere einen kurzen Moment, um mich zu orientieren. Da kommt von beiden Korridoren je ein Mensch auf mich zu - ein Aufseher von der einen, ein flüchtender Häftling von der anderen Seite. Ich drücke den Liftknopf, die Tür öffnet sich, der Häftling schlüpft hinein, ich drücke für ihn den Knopf F - gute Fluchtmöglichkeit, falls er sich richtig anstellt, doch ich kann ihm nichts verraten, alles geht so schnell - die Tür schliesst sich, der Lift fährt ab, da erreicht mich der Aufseher, was ich hier mache, wohin ich ihn geschickt habe, ich antworte, Stockwerk E - der sichere Tod - er atmet auf, dann ist ja alles gut. Keine Frage nach meiner Identität, ich bin als Arbeiter des Privilegiertenlagers erkennbar. Der Aufseher biegt in den Korridor ein, aus dem der Häftling gekommen ist; ich nehme den nächsten Lift vorbei am G-Stockwerk, der Experimentalabteilung, von der ich weiss, dass sie Laboratorien zur Gewinnung von Alternativmaterialien beherbergt, "Menschen, die alles hergeben zum Wohle der Firma", "echte Vorbilder", wie bei uns oft betont wird.

Im F-Stockwerk gibt es eine Terrasse, auf die trete ich in die kühle Nachtluft. Es ist schon fast dunkel geworden und spürbar kehren die Aufseher zurück. Die unterdrückte Hektik ist irgendwie kompakter. Ich trete zur Seite, stelle mich in den Schatten des Gebäudes, lehne mit dem Rücken an die Hauswand. Kurz nach mir quillt eine Gruppe von Häftlingen aus der Glastür, blickt sich suchend um, da schlägt einer von ihnen, der mir irgendwie anders scheint als die andern, zentral angestellt, habe ich den Eindruck, begründen kann ich diesen Eindruck nicht, schlägt er den andern vor, hinunterzuspringen, in den Abwasserkanal, der am Balkon vorbeiführt. Blickwechsel, Schweigen, da ergreift ein anderer die Initiative, versuchen wir's doch, im Wasser zu waten verursacht keine Spuren, das Wasser muss irgendwo hinausführen, in die Freiheit, kommt, es ist ein Versuch wert. Und springt. Die andern springen ihm hinterher, ausser dem irgendwie Anderen, beginnen hörbar zu waten, dann plötzlich ertönen Schreie, nicht lange, Gurgeln und wieder herrscht Stille. Der irgendwie-Andere wendet sich zur Glastür, tritt ins Haus. Ein versteckter Aufseher. Mich hat er nicht gesehen. Ich wechsle meinen Standort auf die andere Seite der Glastür, verberge mich im Schatten der Hausmauer, diesmal mit Blick auf den Kanal, in dem jetzt nur noch blanke Knochen schwimmen. Die Flüssigkeit im Kanal ist gar kein Wasser. Im Dunkel bewegt sich etwas. Jemand. Ein Mensch, er springt von Stein zu Stein, läuft auf den erhaltenen Resten des Betonmäuerchens am Kanalrand, versucht der Flüssigkeit auszuweichen, ist ziemlich erfolgreich darin. Und wieder tritt eine Gruppe von Flüchtenden aus der Glastür, begleitet vom irgendwie Anderen. Wieder schlägt er in harmlosem Tonfall vor, kommt, lasst uns springen, wieder springen die ersten und er wendet sich zurück zum Haus. Doch noch sind nicht alle gesprungen. Unter den Hinteren schöpfen zwei Verdacht, da stimmt was nicht, schau mal diese hellen Dinger, die da schwimmen, das sind doch .... Der auf dem Mäuerchen Gehende und von Stein zu Stein Springende versucht die Neuen zu warnen, ohne Erfolg, sie hören nicht, und er erhöht nur das Risiko, sich vollzuspritzen, muss zusehen, wie sie verderben, muss seinen Weg allein gehen, hinter ihm geht alles so schnell. Der irgendwie Andere dreht sich um, stösst die Zweifelnden übers Geländer, sie fallen direkt ins Nass ...und schon kommen die Schreie.

Sobald ich wieder allein bin, verdrücke ich mich zurück ins Gebäude, fahre per Lift zum Lieferanteneingang, suche nach einem Weg zurück zum Hof, komme am Kanal vorbei, sehe weitere Flüchtende springen, kann ihrem Verenden schon nicht mehr zuhören, muss mich taub stellen, um mich selbst zu schützen, sehe in einiger Distanz den Springenden sich am schmalen Mäuerchen des Kanalrandes entlangdrücken, sehe ihn wieder springen, wie lange noch, frage ich mich, hoffe für ihn, hoffe, dass hoffen nützt, helfen ist unmöglich, ist lebensgefährlich. Ich finde den Fabrikhof, gehe wo immer möglich im Schatten von Gebäuden, der Fabrikhof füllt sich zunehmend mit Aufsehern, die Aufregung wird mehr oder weniger kultiviert, nie mit offener Gewalt niedergedrückt. Ordnung stellt sich ein, wird unter Mithilfe von eifrigen, auf den eigenen Vorteil bedachten Häftlingen wiederhergestellt.

Ich finde den Ausgang am andern Ende des Fabrikareals, trete hinaus, bin fast im Stadtzentrum, haste durch die Gassen der Normalität, besuche eine Bekannte, kann ihr nichts sagen, darf mir nichts anmerken lassen, niemand weiss, was sich hinter der Fassade des Anderen verbirgt, frage nach ihrem Befinden, erhalte eine nichtssagende Standardantwort, trinke mit ihr einen Kaffee, bitte um einen Alltagsgegenstand, den sie mir ohne Rückfrage gibt, ein harmloses Haushaltshilfsmittel, verabschiede mich, es ist schon spät, ich muss zurück. Mit dem erhaltenen Gegenstand gehe ich auf dem kürzesten Weg durch die Gassen dem Schloss entgegen, treffe auf einen verängstigten Flüchtenden, drücke ihm wortlos den erhaltenen Gegenstand in die Hand, weiss, dass er ihm im richtigen Moment helfen wird, wenn er klar denkt und sich richtig anstellt, meide jeden Augenkontakt, kann ihm nichts sagen, auch er könnte eine Falle sein, die Zeit ist knapp, gleich ist der Ausgang vorbei, wenn ich nicht schnell zurück bin, geht es auch mir ums Leben, haste den Berg hoch. finde mein Zimmer, ziehe mich zurück, bin mit mir und meinen Gedanken allein.

Beim Ausziehen fällt mir wieder der beinahe weggewaschene Fleck vom Mittagessen auf, Stockwerk G denke ich, wie werden die Menschen wohl gehalten, von deren Drüsen dies gewonnen wird, und was geschieht mit ihnen, wenn sie nicht mehr genügend produzieren, ist dann das nächste Produkt an der Reihe, bis sie verwertet sind? Und wohin führt der Abwasserkanal? In die andere Fabrik? Werden dort die Eiweisse herausfiltriert und zu neuen Produkten aufbereitet? Zum Beispiel zu Alternativfleischkonserven? Ein ganz normaler Produktionsbetrieb denke ich, und nein, in unserem Städtchen gibt es sowas nicht, die Medien haben übertrieben, etwas aufgebauscht, und wie soll ich jetzt noch einschlafen können, damit man mir bei der Arbeit morgen nichts anmerkt...


 

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