Da sind wir nun, in diesem Haus, von dem niemand genau weiss, wie wir hineingekommen
sind, noch, was wir darin wollten. Ein altes Schloss besichtigen? Eine Ausstellung?
Die Alten Möbel, auf denen mehr oder weniger alltägliche Gegenstände
angeordnet sind, könnten auf letzteres weisen. Unter den ausgestellten Gegenständen
finden sich, selten zwar, Postkarten aus aller Welt. Wir befragen die herumsitzenden,
netten Angestellten danach und erhalten in stets höflichem Tonfall Antworten,
die zwar oft nicht zu den Fragen passen, zuweilen dunkel, mehrdeutig oder gar
absurd sind, deren Aussagegehalt wir nicht entschlüsseln können, die
trotz aller Höflichkeit zunehmend einen Unterton enthalten, der uns das Gefühl
gibt, naiv zu sein, das Wesentliche noch nicht begriffen zu haben. Nachfragen
empfiehlt sich immer weniger.
Ein Raum folgt dem nächsten. Manchmal ganze Enfiladen, manchmal um ein lichtloses
Kämmerchen gruppierte Zimmer, selten Treppen und wenn, nur einzelne Stufen.
Ob es ein oberes Stockwerk gibt? Die auf den Möbeln aufgestellten Objekte
machen keinen Sinn - einige können als Spielzeuge, einige als Handwerksgeräte,
einige als Sportwaffen gedeutet werden. Ein Teil der Postkarten ist abgestempelt,
andere nicht. Auffälligerweise sind solche aus der Schweiz nie abgestempelt.
Irgendwann begreift einer aus der Gruppe, dass die Fenster vergittert sind
und fragt einen Angestellten danach. Langsam werden wir auf die ausweichenden
und mehrdeutigen Antworten aufmerksam. Da steckt anderes dahinter. Wir versuchen,
den Grundriss des Gebäudes zu rekonstruieren, doch es gelingt uns nicht.
Wir rätseln, über die Position des Ausgangs und über den Rückweg
zum Eingang, bemerken aber, dass sich unsere Erinnerungen widersprechen. Bereits
besuchte Zimmer haben ihr Aussehen verändert, nicht-besuchte sehen andern
ähnlich. Die Angestellten erscheinen uns mehr und mehr als Wärter,
die irgend etwas mit uns im Schilde führen und uns mit ihren höflichen
Antworten irreleiten, uns am Herausfinden hindern. Wir schenken den Fenstern
mehr Aufmerksamkeit. Sie führen vom Hochparterre in einen von dichter Vegetation
und hohen Bäumen überwachsenen Park, aus dem manchmal seltsame Geräusche
und Stimmen dringen. Die Scheiben sind aus altem, blasenreichem Glas, voll Staub
und Regenspuren, lange nicht mehr gewaschen. Manchmal stehen auf den Möbeln
Gläser mit undefinierbarer Flüssigkeit. Durstige Mitglieder der Gruppe,
die davon getrunken haben, bleiben allesamt zurück und sind später
nicht mehr auffindbar. Sind sie aus einer Art Spiel ausgeschieden? In einigen
Räumen liegen auf dem Fensterbrett oder in Ecken Pfützen einer Flüssigkeit,
die beim geringsten Kontakt mit Kleidern den Stoff entfärben und Löcher
einbrennen. Die Postkartentexte sind dunkel und absurd wie die Antworten der
Wärter, sie lesen sich oft wie versteckte Warnungen und Hinweise auf ein
"Verhalten, das mehr Überlebensmöglichkeit verspricht". Überlebensmöglichkeit
wo? Um was für Gefahren handelt es sich? Wer war in Gefahr? Wer ist bedroht?
Es gibt immer mehr Pfützen, manchmal tropft die ätzende Flüssigkeit
auch von den Zimmerdecken. Unsere Kleider sind schon stark gezeichnet. Tropfen
der Flüssigkeit auf der Haut hinterlassen dunkelgrüne oder schwarze
Flecken, Wundschorf oder brennen sich bis ins Fleisch ein. Mangels Wasser kann
man sie nicht auswaschen. Spritzer der einen Flüssigkeit reagieren zischend
und teilweise rauchend mit Spritzern der anderen. Einige der ausgestellten Objekte
können als Mord- oder Folterinstrumente gedeutet werden, tragen zum Teil
Spuren, die auf eine entsprechende Verwendung hinweisen können. Schenken
wir einem Fenster zuviel Aufmerksamkeit, mischt sich sofort der Zimmerwärter
ein, lenkt uns ab, hindert uns an einer näheren Betrachtung. War das von
Anfang an so? Unsere Gespräche werden leiser, flüsternd versuchen
wir das in Worte zu fassen, was wir stockend rekonstruieren: wir befinden uns
in einem Haus ohne Ausgang, die Postkartentexte sprechen von einem Spiel ohne
Grenzen, in dem es um Leben und Tod gehe. Wo ist der Zusammenhang? Wie weit
geht unser Spiel? Helfende Hinweise auf einen Umgang mit den sich mehrenden
Gefahren gibt es nicht. Mit den Postkartentexten wohl aber Hinweise auf frühere
Spielteilnehmer. Was bedeutet die Existenz des Poststempels? Auch die Objekte
scheinen etwas mit dem Spiel zu tun zu haben. Wo ist den Weg zum Leben jenseits
des Spiels?
Wir finden einen Raum, dessen Wärter eingeschlafen ist. Das Fenstergitter
ist rostig, teilweise durch die Spritzer morsch, einzelne Stäbe lassen
sich bei sorgfältiger Behandlung beinahe geräuschlos entfernen. Während
wir andern mit unseren Rücken eine Sichtblockade gegen allfällig hereinblickende
Wärter bilden, arbeitet ein Mitglied unserer Gruppe an der Entfernung einzelner
Stäbe, bis die Lücke gross genug ist und wir uns einer nach dem andern
herausquetschen können.
Ich springe in den Park, kann rechtzeitig einen Dornbusch ausweichen, an dem sich mein Vorgänger zerkratzt hat. Ein Pfad tut sich vor uns auf, spitze Steine und weitere Pfützen am Boden, hohe Dornenhecken lassen nur einen engen Weg frei, dem wir folgen müssen, um uns labyrinthartig dem Haus zu entfernen und näheren. Eine Verletzung mit den Dornen juckt stark, hinterlässt aufgeschwollene rote Spuren. Unterwegs ganze Schwärme von Stechmücken, die wir viel später erfahren, Krankheiten wie Cholera und Typhus übertragen. Am schwierigsten sind die Wegverzweigungen: welcher Weg führt vom Haus weg, welcher zurück, welcher in eine Sackgasse? Wir können nur der eigenen Intuition folgen, manchmal unterstützt durch den Willen, nicht ganz von der Gruppe getrennt zu werden, denn allein sein will hier niemand.
Trotz all dieser Schwierigkeiten findet das Häufchen, das von unserer Gruppe übriggeblieben ist, schliesslich einen Ausgang aus dem Irrgarten und wir stehen auf einer von hohen Bäumen umsäumten Wiese. Nette Herren kommen uns entgegen, für jeden einen, erkundigen sich nach dem Befinden, stellen Fragen, die rasch und spontan beantwortet werden müssen. Harmlose Fragen zum Teil, manchmal sich wiederholende, zum Teil sich in Nuancen unterscheidende. Was erst mit der Zeit klar wird: die Antworten werden gepunktet. Am Schluss die Wahl: Macht 50 Punkte. Willst du 50 jetzt oder 20 später? Auf Rat eines Souffleurs antworte ich 50 jetzt und schon kommen zwei Gehilfen, die mich festhalten, während der Fragende mir 50 Daumennagelkniffe in die Nase verpasst. Schon die ersten sind äusserst schmerzhaft, ab dem fünfzehnten ist meine Nase ein einziges grosses, Schmerzzentrum, ab dem dreissigsten glaube ich den Rest des Körpers nicht mehr zu spüren und zähle fiebrig mit, um nicht mehr als nötig zu erhalten. Aber man nimmt's genau hier.
Ich werde entlassen und auf die Wiese hinaus gewiesen. Taumle vorwärts, lieber etwas am Rande, in der Nähe der Bäume, und nach einer kurzen Schonfrist nähert sich mir der nächste nette Herr und stellt ähnliche Fragen. Meine Antworten sind nicht mehr so spontan. Das Prozedere wiederholt sich, ich bemühe mich, die berechnete Anzahl Nasen- und Ohrenkniffe sofort einzustecken, in Gedanken dabei irgendwelche sinnlosen Kinderverse vor mich hin zitierend, um den Schmerz besser verdrängen zu können, nur nichts auf eine spätere Prüfung übertragen, wer weiss, was noch folgt. Mein innerer Rückzug hilft mir, etwas ausserhalb der Situation zu stehen und zu registrieren, was um mich herum geschieht: von den Leuten aus meiner Gruppe sehe ich kaum einen mehr. Bei einigen der Befragten werden Antworten zurückgewiesen, was stets mit einem markanten Anstieg der Punktzahl begleitet ist. Wer sich Hautätzungen zugezogen hat, wird bevorzugt am Rande dieser gekniffen. Viele der Befragten haben deutlich gerötete, angeschwollene, zum Teil blutende und verunstaltete Körperteile, vor allem an Kopf und Hals, viele sind zusätzlich an der Psyche verunstaltet. Flehen um Gnade, suchen Trost beieinander, indem sie sich umarmen, stecken sich aber nur gegenseitig mit Krankheiten an, die sich auf dem Weg durchs Labyrinth eingefangen haben, oder übertragen sich Dosen der verschiedenen Flüssigkeiten, die sich in Kleider und Haut gefressen haben. Es kommt auch vor, dass Trostsuchende nach Küssen mit sabbernden - Mitgefangenen? Folterknechten? Spielobjekten? - umfallen und sofort weggeräumt werden.
Einen auffallend Standhaften sehe ich, der nach seiner letzten Befragungs- und Bestrafungsrunde angewiesen wird, sich eines aus dem Dornenlabyrinth neu in den Park eingetretenen Jünglings anzunehmen und mit Befragen zu beginnen. Nach dem Gequältwerden kommt als nächste Stufe also die seelische Pein des Quälenmüssens. Schaudernd frage ich mich: wer ist was? Wer quält wen? Was darf man, was nicht? Gibt es einen Ausweg? Was kommt als nächstes?
Eine Huis-Clos-Situation. Die Aufgabe aller ist letztlich das Quälen der anderen. L'enfer, c'est les autres. Die Quälenden sind selbst Prüflinge, wollen bloss weiter- und entkommen. Nur: ist der Aufstieg ein Hinein, oder gibt es auch die Option des Herauskommens? Der Aufstieg ist notwendig, denn ein Verweilen auf einer Stufe bedeutet ein Anreichern mit spielstufenspezifischen Giftstoffen oder eine unnötige Zunahme seelischer Zermürbung. Trost suchen bei Mitspielern kann tödlich sein. Also Aufstieg als einzige Lösung? Gibt es keinen Ausgang? Führt jeder Weg nur in schlimmere Varianten? Oder, wie auf einer der Postkarten stand: gibt es ein Leben jenseits des Spiels?
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